"Mira" und die Stimmung des Bremer Gamelan
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Einführung

  

Das 1979 in der Werkstatt des Königshofes Mangkunagaran von Surakarta gebaute Gamelan Slendro, das im Überseemuseum Bremen zu besichtigen ist und seit 1981 von der Gamelangruppe Arum Sih bespielt wird, besteht aus Gongs, Kesselgongs (Kenung, Ketuk, Bonang im Bild vorne), Trommeln (Kendang), Xylophonen (Gambang) und Metallophonen, deren wichtigste Saron (Bild Mitte), Gender (links hinten) und Slentem heißen. Die Stimmung des Bremer Gamelan wurde an den Sarons bestimmt, die in drei Größen vorliegen und zusammen einen Umfang von etwas über drei Oktaven besitzen. Zum Vergleich wurde noch ein Bonang "vermessen" sowie ein Saron aus dem 1995 vom Überseemuseum erworbenen und ebenfalls in Surakarta hergestellten Gamelan Pelog, das siebentönig ist.

 Saron

Die fünftönige Slendro-Stimmung ist nur vage mit unserer Pentatonik vergleichbar. Die Sarons bestehen aus massiven Metallplatten bzw. -stäben (siehe Abbildung), die von der Werkstatt mit Nummern versehen worden sind. Diese Nummern sind auch die Basis der modernen Gamelan-Notation. Beim Slendro fehlen die Nummern 4 und 7, sodaß ein Slendro-Instrument aus sieben Platten mit den Nummern 6, 1, 2, 3, 5, 6 und 1 besteht. Die Tonhöhen der Sarons "überlappen" sich wie in der Skizze angedeutet. Die übereinander stehenden Platten 1 und 6 je zwei dieser Sarons sind praktisch gleich gestimmt. Zwei gleich numerierte Platten unterschiedlicher Lage haben allerdings selten den Abstand einer reinen Oktave (eindrucksvoll zu hören auf Oktaven1.au (11kHz, 8bit, 263kB), Oktaven2.au (22kHz, 16bit, 526kB)).

 Das siebentönige Gamelan Pelog ist nicht eine Erweiterung des Gamelan Slendro. Kein Ton ist bei beiden Gamelans gleich. Dies ist umso verwunderlicher, als die sieben Töne des Pelog selten alle in einem Stück gespielt werden, sondern meist nur eine Auswahl von fünf. Werden die Töne 4 und 7 beim Pelog weggelassen, so erhält man eine fünftönige Skala, die aber nicht mit dem Gamelan Slendro (aus derselben Werkstatt) übereinstimmt.

 Die Stimmungen von Gamelaninstrumenten stellen keine "Tonsysteme" dar und werden nicht bewußt oder strukturell wahrgenommen, weder in Java noch bei uns in Europa. Sie sind das, was im Deutschen unter "Stimmung" im umgangssprachlichen Sinne gemeint ist. Alle Versuche, in die vielfältigen, auf Java vorhandenen Gamelanstimmungen eine mathematische oder strukturelle Ordnung hinein zu interpretieren, scheitern. Das Bremer Gamelan ist ein Musterbeispiel eines "chaotischen" Systems, das allerdings von der Herstellerwerkstatt konsequent angewandt und sorgfältig überwacht wird, und das eine ganz bestimmte "Stimmung" im umgangssprachlichen Sinne darstellt.

 Meist scheint die Stimmung eine Art "Klangfarbe" zu sein. Im Zusammenspiel von temperierten westlichen mit javanischen Gamelaninstrumenten allerdings ergeben sich auffallende Ungereimtheiten, zum Beispiel dann, wenn dieselbe Melodie einmal von einem Saron, dann von einem Synthesizer gespielt wird (wie häufig auf CDs von Eberhard Schoener). An diesem Punkt setzt das künstlerisch-wissenschaftliche Forschungsvorhaben "Mira" an, das neuartige Arten des Zusammenspiels von Gamelan mit "westlichen" Instrumenten erprobt. Die Basis ist die genaue Kenntnis des zur Verfügung stehenden Gamelan. Auf dieser Basis werden westliche Instrumente (Synthesizer) genauso gestimmt wie das Gamelan. Das Zusammenspiel, das Sie im folgenden andeutungsweise mit Ihrer Soundcard nachvollziehen können, wird bei "Mira" in der künstlerischen Praxis erprobt: beim konkreten Miteinandermusizieren und im Konzert.


"Mira" und die Stimmung des Bremer Gamelan
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