"Mira" und die Stimmung des Bremer Gamelan
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Gamelanstimmung von Synthesizern

Im Zentrum des künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsvorhabens "Mira" steht die Übertragung von Gamelanstimmungen auf moderne, elektronische Musikinstrumente. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Einerseits können die originalen Gamelanklänge digital gesampelt und so, wie sie sind, vom Keyboard oder Computer aus abgespielt werden. Dies ist im vorliegenden Projekt in propädeutischer Hinsicht geschehen und hat auch zu den AU-Dateien geführt, die im Verlauf des vorigen Abschnitts überspielt und angehört werden konnten. Andererseits können Synthesizer möglicherweise aus ihrer zwölftönig-temperierten Stimmung gebracht, d.h. umgestimmt werden. Gelingt dies, so können beliebige elektronische Sounds passend zum Gamelan gespielt werden. Und hierauf kommt es in "Mira" an!

 Grundsätzlich gibt es drei Wege, ungewöhnliche Stimmungen auf Synthesizer, Soundmoduln oder Soundcards zu übertragen. Welche der drei Möglichkeiten realisierbar ist, hängt vom jeweiligen Gerät und von gewissen Eigentümlichkeiten der Stimmung ab. Das Bremer Gamelan ist insofern extrem schwierig, weil die Oktaven nicht rein sind.

 1. Möglichkeit: reines Microtuning

2. Möglichkeit: oktaväquivalentes Scaletuning,

3. Möglichkeit: midikanalspezifisches Pitchbending.

 

Das reine Microtuning ist in den Instrumenten der DX- und SY-Serie von Yamaha implementiert. Hier kann jede der 128 virtuellen Synthesizer- oder Keyboardtasten beliebig gestimmt werden. Die Stimmung ist so fein, daß ein Halbton in 83 Feinintervalle unterteilt werden kann. Das ist dadurch bedingt, daß eine Oktav in 1024 Intervalle unterteilt ist. Das Microtuning ist leider nicht mit der Cent-Teilung identisch, sondern ein wenig gröber. Ein Synthesizer kann durch gewisse Midi-Daten in eine bestimmte Stimmung versetzt werden. Diese Mididaten können in einem Standard Midifile gespeichert und über einen Midifile-Player an den Synthesizer übertragen werden. Falls Sie einen Yamaha DX 7 II , einen SY 77 oder TG 77 besitzen, können Sie sich das Bremer Gamelan-Microtuning als Midifile überspielen (Lade SAR-YAM.MID!). Im Projekt "Mira" werden ausschließlich Yamaha-Synthesizer mit Microtuning eingesetzt, da sie klanglich am flexibelsten sind.

 Das oktaväquivalente Scaletuning erlaubt es lediglich, die Töne der temperierten Skala innerhalb einer Oktav um 64 (bei Roland) oder 128 Cent (bei Korg) zu verstimmen. Bei der "Soundcanvas"-Serie von Roland kann allerdings jeder der 16 "Parts" eine eigene Stimmung erhalten. Wenn man also für ein Gamelaninstrument, zum Beispiel das Saron, drei solcher Parts mit demselben Sound und demselben Midikanal verwendet, jeden dieser Parts auf eine der drei unterschiedlichen Stimmungen einstellt und schließlich den spielbaren Tonumfang der Parts auf die tiefe, mittlere bzw. hohe Oktav begrenzt, dann ist das Bremer Gamelan Slendro vollkommen realisierbar. Sollten Sie eine Soundcanvas-Soundcard haben, so laden sie ein Midifile, das alle erwähnten Einstellungen enthält, sodaß Sie auf Midikanal 1 Ihres an die Soundcard angeschlossenen Keyboards Bremer Gamelan spielen können (Lade SAR-ROL.MID!).

 Alle Synthesizer der GM-Norm haben die Möglichkeit, sämtliche Töne eines Midikanals durch Pitchbend microtonal zu verstimmen. Allerdings wird nicht eine einzelne virtuelle Taste, sondern stets die gesamte virtuelle Tastatur verstimmt. Es ist daher mittels Pitchbend nur möglich, pro Midikanal einstimmig zu spielen und jedem "Note ON"-Befehl einen geeigneten Pitchbend-Befehl voranzuschicken. So etwas ist kaum von einem Keyboard aus - also im Live-Verfahren - möglich, ist aber im Rahmen eines Sequenzerprogramms vom Computer aus kein weiteres Problem. Laden Sie das Midifile SAR-PBD.MID. Es enthält 17 "Note ON"-Befehle für einen Vibraphonklang Ihrer Soundcard sowie unmittelbar vor jedem solchen Befehl einen Pitchbend-Befehl. Falls Ihre Soundcard auf "GS" einstellbar ist, so stellt dies Midifile automatisch als "Pitchbend-Range" den Wert 1 ein, der bei diesem Midifile berücksichtigt worden ist. Haben Sie keine GS-Soundcard, so müssen Sie die Einstellung des "Pitchbend-Ranges" (auch "Pitchbend-Sensitivity" genannt) direkt vornehmen.

 Die "Qualität" der Pitchbendstimmung können Sie mit dem Tonbeispiel SAR-PBD (.AU(11kHz, 8bit, 190kB), .AU(22kHz, 8bit, 380kB)) überprüfen: Hier wird analog zu SAR-TEMP.AU im Wechsel eine Originalaufnahme einer Saronplatte und sodann ein mittels Pitchbend verstimmter Vibraphonklang einer GM-Soundcard wiedergegeben. Der Pitchbend-Vibraphonklang "ähnelt" dem Klang der Saronplatten in ganz anderem Maße als der temperierte Vibraphonklang von SAR-TEMP.AU.

 Im Gegensatz zu den Stimmungs-Midifiles SAR-YAM.MID und SAR-ROL.MID, die einen Synthesizer "umstimmen", der dann vom Keyboard aus gespielt werden muß oder kann, enthält ein Pitchbend-Midifile nicht nur Stimmungsdaten, sondern auch die Daten für die Töne selbst. Alle hier genannten Midifiles sind in einem Cubase-Song SARON.ALL (35kB) zusammengefaßt, den Sie auf Ihren Computer laden können. Sie spielen diesen "Song" auf irgendeinem Cubase-Programm ab, es kann auch eine Demo-Version sein, die über http://www.steinberg.de/ bezogen werden kann. Verwenden Sie möglichst Cubase-Audio-Demo (oder Cubase 3.0), denn dann kann SARON.ALL nicht nur die erwähnten Midifiles abspielen, sondern auch noch die WAV-Dateien sämtlicher Saronplatten laden und spielen. Laden Sie diese ZIP-komprimiert (SARON1.ZIP (1,4MB), SARON2.ZIP (1,4MB), SARON3.ZIP (1,0MB)). Der Cubase-Bildschirm sieht folgendermaßen aus:

Cubasebildschirm

 Der musiktheoretische und mathematische Hintergrund der Synthesizerstimmungen ist folgender: Die experimentell bestimmten Frequenzen des Gamelan, die die Tabellen des vorigen Abschnitts zeigen, müssen auf die Frequenzen der temperierten Töne eines elektronischen Instruments bezogen werden. Daher muß ein konkreter Frequenzwert umgerechnet werden auf "Abweichung von der nächstliegenden temperierten Taste", wobei die Abweichungen beim Scaletuning in Cent, beim Pitchbendverfahren in "Pitchbend"-Werten angegeben werden. Die folgende Tabelle zeigt alle hierzu notwendigen Werte für das Bremer Saron und Bonang.

 


  Die Tabelle erklärt auch, warum in Notenbeispiel 1 nicht ausschließlich die schwarzen Tasten cis-dis-fis-gis-ais vorkommen, sondern gelegentlich auch d, e oder a und h. In diesen Fällen liegt ein Ton näher an e als an dis, näher an h als an ais usw.

 In der Partitur von "Mira" wurden allerdings alle Gamelan- und Synthesizertöne so notiert, als ob die schwarzen Tasten zu spielen sind. Da für "Mira" das Microtuning von Yamaha verwendet wird, können die schwarzen Tasten auch mit einer Stimmung versehen werden, die eigentlich näher an einer weißen liegt.


"Mira" und die Stimmung des Bremer Gamelan
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