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Befragung: an welche interkulturellen Inhalte erinnern sich Musikstudierende?

Auf die unvermittelte Frage "Wer von Euch hat in seiner Schulzeit interkulturelle Musikerziehung genossen?" antworteten keine (0%) der 56 SeminarteilnehmerInnen mit JA. Die Ursache dieses Null-Befundes kann entweder sein, dass es tatsächlich keinerlei interkulturelle Musikerziehung gegeben hat, oder aber, dass die SemninarteilnehmerInnen interkulturell erzieherische Aspekte ihres Musikunterrichts nicht als solche einstuften oder benannten oder anerkannten. Daher wurde eine Befragung durchgeführt, die Erinnerungen wachrufen sollte:

Fragebogenkonstruktion zur Erinnerung an interkulturellen Musikerziehung:

Frage: "Welche der folgenden Themen (Inhaslte) habt Ihr im Musikunterricht behandelt?"

Afrikanisches Trommeln  Anatevka  Beatles   Blues  By the Rivers of Babylon Carmens "Habanera" Deutsche Volkstänze Don Kosaken Dona Dona (Dos Kelbl) Ein türkisch-sprachiges Lied Flamenco-Tanz oder -Gitarre Französische Chansons Gamelan (Indonesien) Gospel Guantanamera Hevenue shalom (Wir wollen Frieden) HipHop Jazz Kalinka Klassische indische Musik (Raga) Lateinamerikanische Musik Lieder aus Irland Musik aus den Anden (z.B. Panflöten) Musik aus Osteuropa Musik des Balkan Nobody knows Nordeuropäische Folklore No-Spiel (Japan) oder Peking-Oper Oper von Verdi Persische Musik Porgy and Bess Reggae Samba Santa Lucia Steeldrums Tango Tänze aus Israel Theodorakis Victor Jara Yellow Submarine.

Es konnte geantwortet werden mit JA, NEIN, "kann sein" und "keine Erinnerung" (siehe Ergebnistabelle unten!).

Die vier möglichen Antwortkategorien gingen davoan aus, dass neben den Ja-Nein-Antworten auch noch Erinnerungsprobleme ("Haftungsprobleme" der Themen) eine Rolle spielen. Die Kategorie "kann sein" geht davon aus, dass die Befragten das Thema zwar "irgendwie" kennen, nicht aber mehr wissen, wann sie mit diesem Thema vertraut gemacht wurden. Die Kategorie "keine Erinnerung" geht hingegen eher auch davon aus, dass das Thema gar nicht bekannt ist. Die beiden Alternativen zu Ja und Nein sind aber nicht trennscharf und wurden auch relativ wenitg benutzt.

Das Ergebnis

Wurden folgende Inhalte behandelt? (Ankreuzen)
ja
kann sein
keine Erinnerung
nein
"nicht-ja"
"nicht-ja"
abs.
Prozent
Beatles
17
4
2
6
12
41,4
Blues
17
3
2
7
12
41,4
Yellow Submarine
15
4
1
9
14
48,3
Jazz
15
0
2
12
14
48,3
Hevenue shalom (Wir wollen Frieden)
14
2
4
9
15
51,7
Gospel
12
5
4
8
17
58,6
Oper von Verdi
11
5
3
10
18
62,1
Guantanamera
11
3
2
13
18
62,1
Nobody knows
9
3
2
15
20
69,0
Afrikanisches Trommeln
8
1
1
19
21
72,4
Deutsche Volkstänze
7
4
2
16
22
75,9
Französische Chansons
7
1
3
18
22
75,9
Porgy and Bess
7
1
0
21
22
75,9
HipHop
6
3
0
20
23
79,3
Carmens "Habanera"
5
2
2
20
24
82,8
Dona Dona (Dos Kelbl)
4
3
2
20
25
86,2
Samba
4
2
3
20
25
86,2
Anatevka
4
1
5
19
25
86,2
Lateinamerikanische Musik
3
9
1
16
26
89,7
Lieder aus Irland
3
5
2
19
26
89,7
Musik aus Osteuropa
3
3
4
19
26
89,7
Ein türkisch-sprachiges Lied
3
3
0
23
26
89,7
Tango
3
2
2
22
26
89,7
Reggae
3
1
5
20
26
89,7
Gamelan (Indonesien)
3
0
2
24
26
89,7
By the Rivers of Babylon
2
3
4
20
27
93,1
Flamenco-Tanz oder -Gitarre
2
3
3
21
27
93,1
Kalinka
2
3
1
23
27
93,1
Nordeuropäische Folklore
2
2
3
22
27
93,1
Steeldrums
2
1
4
22
27
93,1
Don Kosaken
1
3
1
24
28
96,6
Santa Lucia
1
1
3
24
28
96,6
Tänze aus Israel
1
1
2
25
28
96,6
Musik des Balkan
1
0
8
20
28
96,6
Musik aus den Anden (z.B. Panflöten)
0
2
1
26
29
100,0
No-Spiel (Japan) oder Peking-Oper
0
2
1
26
29
100,0
Persische Musik
0
1
3
25
29
100,0
Klassische indische Musik (Raga)
0
0
2
27
29
100,0
Theodorakis
0
0
1
28
29
100,0
Victor Jara
0
0
0
29
29
100,0
Summe = 1160 Nennungen
208
92
93
767
Summe in Prozent
17,9%
7,9%
8,0%
66,1%
Durchschnitt (Prozent)        
24,4%
84,2%

Farbgebung: grün = 60 bis 20 %, gelb = 20 bis 10 % und rot = 10 bis 0% Erinnerungen an diesen Inhalt/dies Thema.

haeufigkeit
Die prozentuale Verteilung der "Erinnerungshäufigkeit" nach Genres/Titeln

nennungen
Prozentuale Verteilung der "Erinnerungsart" (von "nein" bis "ja").

Erklärung: 7 Studis nennen 12 bis 14 Inhalte, 5 nennen 9 bis 11 Inhalte usw.

wpe3.jpg (12502 Byte)
Genuin interkulturelle Inhalte: je ein Studi nennt 6, 5 oder 4, 2 Studis nennen 3, 3 Studis nennen 2, 7 einen und 14 keinen.

Sortiert man die angegebenen Titel/Musikgenres grob geschätzt nach

1. Inhalten, die im Musikunterricht relativ oft vorkommen (können), ohne dass an einen interkulturellen Bezug gedacht wird:

  Nennung
Beatles
17
Blues 
17
By the Rivers of Babylon
2
Carmens "Habanera" 
5
Gospel
12
HipHop
6
Jazz
15
Nobody knows
9
Oper von Verdi
11
Samba
4
Yellow Submarine
15

2. Inhalten, die als "Favoriten" fortbildungsaffiner Musiklehrer/innen bezeichnet werde können:

Dona Dona (Dos Kelbl)
4
Anatevka
4
Deutsche Volkstänze 
7
Don Kosaken
1
Französische Chansons
7
Guantanamera
11
Hevenue shalom (Wir wollen Frieden)
14
Kalinka
2
Lateinamerikanische Musik
3
Porgy and Bes
7
Reggae
3
Santa Lucia
1
Tänze aus Israel
1

3. Inhalten, die "genuin" für Interkulturelle Musikerziehung sind und nicht nebenbei mal ohne "interkulturelle Intention" vorkommen.

 
Nennung
Afrikanisches Trommeln 
8
Ein türkisch-sprachiges Lied
3
Flamenco-Tanz oder -Gitarre
2
Gamelan (Indonesien)
3
Klassische indische Musik (Raga
0
Lieder aus Irland
3
Musik aus den Anden (z.B. Panflöten)
0
Musik aus Osteuropa
3
Musik des Balkan
1
Nordeuropäische Folklore
2
No-Spiel (Japan) oder Peking-Oper
0
Persische Musik
0
Steeldrums
2
Tango
3
Theodorakis
0
Victor Jara
0

... so erkennt man, dass nur 30 Nennungen sich auf "genuin interkulturelle Themen" beziehen, das sind gerade mal 2,6%. Die meisten der genannten Inhalte dürften nicht unter interkulturellem Aspekt abgehandelt worden sein,

Kommentar:

Zu den noch einigermaßen oft (um 50%) erinnerten Unterrichtsthemen gehören Beatles, Blues, Yellow Submarine, Jazz, Hevenue shalom (Wir wollen Frieden), Gospel, Opern von Verdi, Guantanamera. Dies sind mit Ausnahme des israelischen Friedens- und des kubanisch-US-amerikanischen Liedes ausschließlich Standardinhalte aus dem Bereich "Geschichte des Jazz und Pop". Weder bei Hevenue Shalom noch bei Guantanamera ist anzunehmen, dass Ziele interkultureller Musikerziehung verfolgt wurden.

Zu den in einem gewissen Grade "manchmal" (zwischen 20 und 40%) vorkommenden Themen gehören Nobody knows, Afrikanisches Trommeln, Deutsche Volkstänze, Französische Chansons, Porgy and Bess und HipHop. Hier sind interkulturelle Aspekte nicht mehr so auszuschließen wie bei den einigermaßen oft vorkommenden Themen. Interessant ist, dass auch nach 40 Jahren "Student für Europa" weder die osteuropäische, noch die nordeuropäische Folklore oder die Musik des Balkan irgend eine Rolle spielt.

Die genuin interkulturellen Themen jedoch befinden sich der Erinnerung zu Folge in einem Bereich von unter 10%, wobeidas Afrikanische Trommeln ein "Spitzenreiter" ist (dem AfS und Volker Schütz sei's gedankt!). Hier sind die interkulturellen Aspekte durch die Kategorien Lied, Tanz oder Musical "versüßt". Alles Übrige ist nicht der Rede wert.

Insgesamt scheint die musikpädagogische Diskussion um interkulturelle Musikerziehung und das entsprechend sehr gut ausgebaute System der Lehrerfortbildung noch wenig Auswirkungen auf die Schulrealität zu haben. Das war 2003, als Abild des Musikunterrichts an Gymnasien 2000-2002! Um so mehr ist es Aufgabe der Musiklehrerausbildung entsprechende Themen und Inhalte im Studium hervorzuheben und gleichsam kompensatorisch einen hohen Stellenwert einzuräumen: dies war mein Ansatz der "eine welt musik lehre".

Folgerungen auf der Seite: "Wie sag ich's dem Genossen Gerhard?"

Die vorliegende Befragung aus dem Jahr 2003 könnte jederzeit zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden. Ich bitte alle meine Uni-Kolleg/innen sich zu überlegen, ob sie nicht in einer Erstsemester-Veranstaltung eine derartige Befragung durchführten. Es wäre interessant zu sehen, ob sich hier "etwas getan" hat oder alles beim Alten geblieben ist. Eine Exceltablle zur Auswertung stelle ich hier bereit.