Das konzertante MIDI-Planetarium am 1. Juli 2011, 18.00 Uhr im Kammermusiksaal der Uni Oldenburg.

 

mpl2011

 

20 Jahre MIDI-Planetarium an der Universität


Als die Erste Oldenburger Klangnacht am 1. Juli 1991 um 1:00 Uhr zu Ende ging, hat noch niemand geahnt, dass das soeben uraufgeführte MIDI-Planetarium 20 Jahre überdauern und in diesem Zeitraum eine erstaunliche Karriere als künstlerisch-wissenschaftliches Forschungsprojekt machen würde. Wenn das MIDI-Planetarium im Komponisten-Colloquium am 1. Juli 2011 wieder erklingt, so wird dies die 38. Konzertaufführung dieses Projekts sein. Dazwischen liegen 71 Kompositionsaufträge, Sendungen im WDR und Bayerischen Rundfunk, eine Fachtagung, Experimente mit Kindern, Engagements im Zeiß-Großplanetarium am Prenzlauer Berg, Unterwasserdarbietungen in Bad Sulza und last but not least eine geheimnisvolle Uraufführung, mit der am 27. April 1998 das Hörsaalgebäude der Universität eingeweiht wurde. Eine im Bibliotheksverlag erschiedene CD-ROM dokumentiert in Wort, Bild und Ton das Projekt bis 2004.
Wie ein visuelles Planetarium, so bildet das MIDI-Planetarium mit Hilfe mehrerer vernetzter Computer den Stand der Sterne zum Zeitpunkt des Konzerts aus Sicht des Aufführungsortes musikalisch ab. Das Computerprogramm erzeugt MIDI-Daten, die, gelenkt durch die ausführenden Musiker, Klänge aus midifizierten Klangerzeugern abrufen. Die Aufgabe der Musiker ist es, den strukturellen Gegebenheiten der MIDI-Daten, die durch die objektive Konstellation der Gestirne vorgegeben sind, folgend bedeutungsvolle Musik zu erzeugen. In Blindversuchen mit 57 Personen und in Vergleichsstudien mit knapp 120 Student/innen ist der Bedeutungsgehalt der Musik getestet worden. Für die Musiker liegt der Reiz des Konzepts darin, dass sie aus einem Datenteppich zwar frei auswählen können, dabei aber stets nur das produzieren, was „der Himmel“ vorgezeichnet hat.
Die Tonhöhen und Rhythmen der Musik des MIDI-Planetariums kennen keine gewohnte Harmonie und Metrik. Es gibt weder bekannte Intervalle noch regelmäßige Rhythmen. Und dennoch entsteht etwas Sinnvolles und Hörbares, wie die 20-jährige Empirie bewiesen hat. Die Tonhöhen und metrischen Folgen werden aufgrund einer Theorie von Hans Cousto aus den Bewegungstypen der Gestirne errechnet und ohne irgendwelche Beschönigung vom Computer umgesetzt. Die musikalischen Strukturen des MIDI-Planetariums verhalten sich zu gewohnter tonaler Musik so wie die Chaotik eines nächtlichen Sternenhimmels zu einem Bild von regelmäßigen Figuren. In der Tat haben bis zu Johannes Kepler Astronomen gehofft, zumindest den Gestirnen des Sonnensystems platonische Körper einbeschreiben zu können, weil sie der Meinung waren, dass nur so die Schönheitdes Sternenhimmels und der „göttliche Plan“ erklärbar seien. Heute im „Zeitalter des Urknalls“ können wir mit Goethe den Sternenhimmel mit all‘ seinen Galaxien genießen und brauchen nicht mehr die euklidische Geometrie auf den Himmel zu projizieren. Das MIDI-Planetarium bietet diese Art Genuss im Gewande von Tönen und Klängen.
Am 1. Juli 2011 wird der Obertonmusiker Reinhard Schimmelpfeng die Klänge des MIDI-Planetariums begleiten und ein Film, der ausschließlich aus Fotos der NASA zusammengesetzt ist, entlang der musikalischen Strukturen durch die Gestirne führen. Professor Wolfgang Martin Stroh, der das MIDI-Planetarium programmiert hat, wird die Computerdaten live umsetzen und Beispiele aus der 20-jährigen Geschichte des Projekts vorführen.

zurück zur Titelseite - weiter zur detaillierten Projektbeschreibung

Zum 20-jährigen Geburtstag des MIDI-Planetariums ist eine multimediale Aufführung geplant: Die elektronische Computermusik „MIDI-Planetarium“ wird begleitet durch einen Film und die Live-Musik des Obertonsängers Reinhard Schimmelpfeng.


Kommentar zum Film


Der Film wandert den Strukturvorgaben des MIDI-Planetariums entsprechend innerhalb von 30 Minuten entlang der Ekliptik und trifft dort nacheinander auf die Planeten, auf Sonne, Mond und Mondknoten. Die Stellung dieser Gestirne ist genau diejenige zum Zeitpunkt des Konzerts aus der Sicht Oldenburgs. Diese Stellung bedingt auch die Abschnitte und Bilderfolgen des Films.
Die Bilder des Filmes stammen ausschließlich aus allgemein zugänglichen Fotografien der NASA. Sie werden so kombiniert und aufeinander bezogen, dass sich in ein Zwischenbereich von „Realismus“ und „Surrealismus“ bildet. Dali und Ratzewill standen Pate, aber vor allem auch die Tatsache, dass die meisten NASA-Bilder gefärbte Konstrukte der fotografierten Wirklichkeit sind.  Entsprechend der Musik, die wiederum durch die Theorie der „Planetentöne“ von Hans Cousto determiniert ist, sind unterschiedliche Grade von Realität und Surrealität gewählt. Die Bilder bewegen sich in der Regel sehr langsam entsprechend dem eher meditativen Charakter der Musik, können aber auch explodieren oder zu merkwürdigen geometrischen Figurationen permutieren.

Der Film ist zwar ursprünglich als visuelle Begleitung und Interpretation der Musik entstanden, hat aber im Zuge der aktuellen Konzertvorbereitungen ein künstlerisches Eigengewicht bekommen und eine Eigendynamik entfaltet, die der Komponist und Filmemacher Wolfgang Martin Stroh nicht vorher gesehen hatte. Zusammen mit einem prototypischen Playback des Konzertverlaufs am 1. Juli 2011 (der gemäß dem Konzept des MIDI-Planetariums nicht vollkommen determiniert ist) bildet der Film ein in sich geschlossenes Multimedia-Spektakel zur Beziehung Mensch-Kosmos. Er stellt die Frage, inwiefern wir Betrachter des Himmels uns den Kosmos aufgrund von Weltraumfotografien konstruieren oder inwiefern er „wirklich“ so ist, wie er uns von der NASA präsentiert wird. Damit berührt der Film auch die uralte Frage der Astrologie und der Religionen, ob alles, was das menschliche Handeln bestimmt, aus dem Individuum selbst heraus kommt oder – in welcher Weise auch  immer – „von oben“ vorgegeben ist. Ist der Himmel eine Projektion des Menschen auf viel Vakuum mit ein bißchen Materie oder doch eine andere Realität?