zur Indexseite Musiktheaterpädagogik S 2003/04

Blatt 14

Herr der Fliegen (Lord Of The Flies) von William Golding

Zusammenarbeit auf Anfrage der Theatergruppe des Neuen Gymnasiums (Horst Werther), drei Aufführungen im NGO, eine im Staatstheater Oldenburg im Rahmen der Schultheatertage im März 99.

Inhalt:

Eine Gruppe englischer Schuljungen, die als einzige den Absturz des Flugzeugs überlebt haben, das sie vor einem Atomkrieg in Sicherheit bringen sollte, sieht sich auf einer unbewohnten Insel im Pazifik plötzlich in die abenteuerliche Lage ihrer Idole aus Büchern wie Defoes Robinson Crusoe, Bellantynes The Coral Island und Stevensons Treasure Island versetzt (die letzteren werden bei Golding ausdrücklich erwähnt). Zunächst halten sich das erregende Gefühl grenzenloser Freiheit, das Erlebnis einer unberührten, exotischen Natur und die Einsicht, eine gewisse Ordnung aufrechterhalten zu müssen, die Waage. Wie früher ihre Lehrer das Megaphon als Zeichen ihrer Autorität benutzten, so läßt jetzt einer der Jungen, der sportliche, verständige Ralph, ein silbriges Muschelhorn ertönen: seine Kameraden versammeln sich und wählen ihn zu ihrem Anführer. Den demokratischen Prinzipien, die Ralph verkündet, beugt sich in dieser Phase auch Jack, der herrschsüchtige »Befehlshaber« eines Knabenchors: wir brauchen Gesetze, denen wir gehorchen. Schließlich sind wir keine Wilden. Wir sind Engländer, und die Engländer können alles am besten. Die Gültigkeit dieser Worte wird alsbald durch Meinungsverschiedenheiten über die Rangfolge der zu lösenden Aufgaben in Frage gestellt. Während Ralph die Rettung von der Insel zum Hauptziel erklärt, rückt für Jack die Fleischbeschaffung in den Vordergrund. Statt das lebenswichtige Feuer zu hüten, das Ralph mit Hilfe der Brillengläser seines von den andern gehänselten, aber mit viel gesundem Menschenverstand begabten Piggy (Schweinchen) entfacht hat, gehen Jack und sein Sängerkollektiv nackt, mit grell bemalten Gesichtern (die schützende Bemalung macht hemmungslos frei) auf Schweinejagd. Nur Piggy und der körperlich schwache, in sich gekehrte Simon und die unzertrennlichen Zwillinge Samnerica (Sam und Eric) helfen Ralph beim Bau von Schutzhütten gegen Sturm und Regen. Die Freunde am Töten ergreift immer stärker Besitz von Jack, so dass er Ralphs vernünftigen Argumenten schließlich nicht mehr zugänglich ist. Der Machtkampf zwischen den beiden Kontrahenten wird jedoch durch eine grausige Entdeckung hinausgezögert: einer der Kleinen, die in ständiger Angst vor einem geheimnisvollen Untier leben, führt Ralph und Jack zu einer Anhöhe, auf der sie entsetzt eine gespenstische Gestalt erblicken, die im Wind hin und her schwankt. Die Jäger bringen ihr einen aufgespießten Schweinskopf zum Opfer dar, der, von unzähligen Fliegen umschwirrt, für Simon zum Symbol ihrer eigenen satanischen Perversion, des Untiers, das in ihnen selbst lebt, wird. (»Herr der Fliegen«, d. i. Beelzebub) Als Simon allein zu jener geheimnisvollen Gestalt zurückkehrt, entdeckt er, dass es sich um einen toten Flieger handelt, dessen Fallschirm sich in den Felsen verfangen hat. Bevor er dies den andern Jungen mitteilen kann, wird er von den aufgeputschten »Jägern«, die während einer Tanzorgie ihren Trieben freien Lauf lassen, blindwütig zerfleischt. Als später der »Häuptling« Jack und seine Horde Piggys Brille rauben, um selbst Feuer zu machen, appelliert der Bestohlene im Namen des Muschelhorns, des Symbols der Ordnung, vergeblich an den Gerechtigkeitssinn der Jäger. Sie setzen einen Felsblock in Bewegung, der Piggy in die Tiefe reißt. Ralph entgeht der Ermordung mit knapper Not: Nach einer erbarmungslosen Verfolgungsjagd, während der die andern, um ihn auszuräuchern, die Insel in Brand stecken, bricht er vor einem britischen Marineoffizier zusammen, der gekommen ist, englische Schuljungen zu retten, und nun fassungslos einem Rudel von Bestien gegenübersteht.

In der Vorbereitung beschäftigten wir uns mit zwei Theaterfassungen: eine Version, die von Hauptschülern erarbeitet wurde mit dem Titel: „Wir jagen Schweine", die sehr auf die Abenteuerebene mit einigen Gefahren setzte, uns aber zu harmlos erschien; die andere offiziell vom Verlag herausgegebene, die wir dann auswählten, deren „pädagogischen" Schluss wir aber nicht spielten (der gute demokratisch orientierte Engländer rettet die Jungen vor sich selbst).

Es wurden lange Diskussionen mit der ausschließlich aus Mädchen bestehenden Theatergruppe geführt, ob sie das Stück als Jungen oder Mädchen spielen. Die Gruppe konnte sich nicht vorstellen, dass Mädchen so handeln würden und wollte sich in die Rollen von Jungen hinein fühlen.

Die Musik hatte die Funktion einer atmosphärischen Unterstützung der Szenen: Inselidylle, Jagdszenen mit Perkussion, Nachtgeräusche, Angstzustände etc. Sie stellte auch den Flugzeugabsturz zu Beginn des Stücks dar. Die Musikerinnen und Musiker waren vom Publikum kaum zu sehen.

Die Bühne war so gut wie leer, der Boden schwarz und die Wände weiß. Ein Baumstamm symbolisierte den Strand. Es gab eine Projektion eines idyllischen Strandbilds, die sich im Laufe des Stücks immer mehr verfremdete, sowie eine Projektion des toten Fliegers. Am Ende des 1. Akts wurde eine Puppe, die diesen Flieger im Fallschirm darstellte, von der Empore auf die Bühne an einem Seil gezogen. Im zweiten Teil stand eine kleine „Hütte" aus einem bemalten Pappkarton auf der Bühne.

Ein wichtiges szenische Mittel war Slow Motion unterstützt durch ein Stroboskop oder ein Flutlicht vor an der Bühne zur Darstellung der ersten Rangeleien bis hin zur Tötung von Simon. Der dadurch entstehende Schattenwurf an den weißen Wänden unterstützte diese beklemmenden Szenen.