zur Indexseite Musiktheaterpädagogik S 2003/04

Blatt 15

"destination anywhere"

Die "Theatergruppe Am Mühlenberg" arbeitete seit fünf Jahren unter meiner Leitung. Nach der Produktion von "Tom Sawyer" (1999) und "Der kleine Horrorladen" (2001), beides Stücke, in denen die Kinder und Jugendlichen selbst musikalisch aktiv waren, begann im Jahr 2001 die Arbeit am Stück "destination anywhere".

 

Erläuterungen zur Produktion

Im Sommer 2001 beginnt die Suche nach einem geeigneten Stoff. Die sieben Jugendlichen, die den "Kleinen Horrorladen" gespielt haben, wollen weiterhin Theaterspiel und Musik miteinander verbinden. Gemeinsam mit mir entwickeln sie die Idee, den Stoff des Films "The Commitments" (nach einem Buch von Roddy Doyle) zu bearbeiten. Damit sind zwei Schwerpunkte gesetzt. Der erste Schwerpunkt ist eine Story, die Jugendliche betrifft und Themen anspricht wie das Problem der Langeweile; etwas als Gruppe auf die Beine stellen; zusammen Musik machen; die eigenen Fähigkeiten entdecken und daran arbeiten; Erfolg haben und im Mittelpunkt stehen; Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen; Eifersucht und Neid; solidarisches und unsolidarisches Handeln, bis zum Auseinanderbrechen der Gruppe.

Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Musik: Soulmusik, die mit relativ einfachen Mitteln große Wirkung erzielt; die den Jugendlichen erlaubt, ihre Freude am Musikmachen auszuleben; die sowohl die individuellen Stärken der einzelnen Musiker als auch die Stärke der Gruppe herausstellt – im Stück und in der Theatergruppe.

Es ist sofort klar, dass die Jugendlichen die Musik live spielen werden. Also muss die Theatergruppe erweitert werden, denn für eine Soulband ist die Gruppe zu klein. Alle Theatermitglieder können singen und/oder spielen ein Instrument, so dass Keybord (Philipp, Joao), Schlagzeug (Lenny), Bass (Luca), Gesang (Luca) und Backgroundgesang (Celeste, Hannah, Mascha) besetzt werden können. Es fehlen die Bläser und ein Gitarrist. Drei neue Mitspieler werden gewonnen (Tim / Trompete, Jonny / Saxofon, Jonas / Gitarre). Die Gruppe besteht nun aus zehn Darstellerinnen und Darstellern, und für eine kleine Rolle kommt noch Marlon, das Nesthäkchen, dazu. Die ersten Musikproben beginnen. Der Bassist wird der Leadsänger. Damit muss ein anderes Mitglied der Gruppe den Bass übernehmen (Joao), d.h. ein Instrument neu erlernen. Diese Aufgabe wird rasch aufgeteilt: Joao spielt nur die ersten Musikstücke live mit, in allen anderen Stücken spiele ich den Bass aus dem Off.

Die Grundidee für das Stück ist da. Die Handlung wird in ein kleines Dorf in der norddeutschen Tiefebene verlegt, nach Stoppelhude, und spielt an einer Bushaltestelle (hier "hängen die Jugendlichen ab"). Um das Stück zu entwickeln, wird ein Improvisationswochenende im Oktober 2001 angesetzt. Dazu reist Peter Schanz an, der das Stück schreiben wird. Ein Wochenende lang improvisiert die Gruppe über "Rumhängen an der Bushalte", "Casting" und "Leben auf dem Lande", und die Darstellerinnen und Darsteller entwickeln in Rollenbiographien Skizzen der Personen, die im Stück vorkommen sollen.

Bis Januar 2002 konzentrieren sich die Proben auf die Bandarbeit. Im Januar ist das Textbuch fertig und die Schauspielproben treten in den Vordergrund. Ein Probenwochenende im März bringt die Produktion einen großen Schritt voran.

Die Eltern der Jugendlichen gründen den Verein "Theatergruppe am Mühlenberg", damit die Möglichkeit besteht, Sponsoren für die Produktion zu gewinnen. Es wird eine Kalkulation erstellt: einige Tausend Euro wollen eingeworben werden. Im Rahmen einer Jahresarbeit in der Waldorfschule kümmert sich Luca um das Einwerben von Spendengeldern. Die Aktion hat Erfolg, es gibt eine Reihe privater Spenden, und Volksbank, Gemeinde und Kreis machen Deckungszusagen für den Fall, dass die Einnahmen aus den Aufführungen die Kosten nicht decken.

Bis zur Sommerpause im Juli und August 2002 probt die Gruppe weiterhin regelmäßig jeden Freitag. Im September 2002 geht es weiter, und die heiße Phase beginnt: Choreographie für die Backgroundsängerinnen, Werbung und Plakate, Presseinfos, Bühnenbild, Kostüme, Maske, Requisite, Licht- und Tontechnik und noch einiges andere mehr, alles muss organisiert, besorgt, geprobt werden. Einen Großteil dieser Aufgaben übernehmen die Jugendlichen selbst, Werbung und Plakatentwurf, Presseinfos, Kostümsuche, Requisite. Anderes liegt in den Händen der Eltern oder von Freunden: Fotos, Videodokumentation, Maske, Choreographie übernehmen Eltern. Heinrich Modersohn entwirft und baut das Bühnenbild. Symon (ein Schulfreund von Luca, Celeste und Jonas) übernimmt die Lichttechnik. Für den Bühnenumbau steigen David und Klaas ein, beide ebenfalls Schüler. Für die Tontechnik wird ein Student des Fachs Musik der Universität Oldenburg eingeworben, Timo Logemann.

Während der Herbstferien im Oktober wird eine Woche durchgeprobt.

Am 19.Oktober 2002 findet die URAUFFÜHRUNG und PREMIERE in Tarmstedt vor über 250 Zuschauern statt. Es folgen Aufführungen in Tarmstedt am 20.10., in Ottersberg am 1.11. und 2.11. und am 16.11. in der Universität Oldenburg. Bis zur Aufführung in Ottersberg ist die Fangemeinde so angewachsen, dass beide Aufführungen mit jeweils mehr als 600 BesucherInnen ausverkauft sind.

Die Gruppe bewirbt sich beim 24. Theatertreffen der Jugend in Berlin. Zu einem Auftritt im Schlachthof in Bremen im März 2003 kommt eine Jury, die das Stück begutachtet. Zusammen mit acht Theatergruppen aus der ganzen BRD wird "destination anywhere" nach Berlin eingeladen und triff dort als letzte Gruppe am 30. Mai auf. Eine Einladung zu einem Festival in Amsterdam nimmt die Gruppe nicht mehr an. Nach dem großen Erfolg in Berlin haben einige Gruppenmitglieder die Befürchtung, dass die Bedingungen für künftige Auftritte nicht mehr so ideal sein können. Individuelle Interessen, die durch die intensive Theaterarbeit zu kurz gekommen waren, treten bei den älteren Gruppenmitgliedern mehr in den Vordergrund und Mascha zieht nach Hamburg. Die Gruppe löst sich vor den Sommerferien auf.

"Die Theatergruppe am Mühlenberg zeigte ein wunderbar schrulliges Stück über eine Gruppe von Jugendlichen, die immer an der Bushaltestelle herumlungert .... Keine Spur vom Plastikglamour gecasteter Fernseh-Bands. Hier wird mit Herz, Schmerz und ironischer Distanz zum pubertären Gefühlschaos und den Träumen vom Berühmtsein gespielt – und zwar nicht bloß richtiges Theater, sondern auch echter Soul (Theater heute 08/09.03).