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Techno in der Schule

Techno entstand Mitte der 80er als eine „harte" und „elektronische" Variante von Discothekenmusik. „Kraftwerk" und Co. kamen später als „Vaterfiguren" dazu, als sich die Elektronikszene historisch zu orten begann. Der Techno-Alleinunterhalter war zugleich meist DJ, weshalb sich bald eine Nähe zur DJ-, HipHop-, Scratch- und allgemeinen Disco-Kultur herstellte. Techno ist aber textlos und daher ziemlich das Gegenteil von Rap und HipHop. Spezielle Techno-Events nannte man „Raves", die Tanzenden bald „Raver". Ein kleiner Rave ist einfach eine „Party". Anfang der 90er breitete sich Techno vom Keller auf die Straße und vom Underground in die angepasstere Discoszene aus. Dennoch wird bis heute zwischen einem „echten" Techno (ohne Text mit dem Ziel der Bewusstseinsveränderung und nicht der Unterhaltung in einem monotonen Rave) und allen „Four to the Floor"-Varianten bei MTV, BRAVO, Hitparade und Love Parade unterschieden.

Obgleich Techno sehr leicht mit SchülerInnen zu machen ist, gibt es wenig Anleitungen zum „Musikmachen in Techno" im Klassenverband. Meines Wissens waren meine Aufsätze 1993, 1995 und 1996 in den „Grünen Heften" die einzigen, die das Prinzip des Technobretts und des Analogsounds erklärten und Technomusizieren im Klassenverband vorschlugen. Christian Rolle hat sich im Rahmen seiner Examensarbeit sehr differenziert mit Techno-Machen auseinandergesetzt und darüber kurz Publiziert. Informative Artikel an die Adresse angeblich noch unaufgeklärter Lehrer schrieben Jerrentrup (1994), Hansen (1994) und als größeren Bericht Reinhard Böhle (1996). Als Pop- oder Rockmusik-"Stil" werden kompositionstechnische Details auch von Rohrbach (1996) und - gerichtet an die Szene selbst - Pohl, Gorges und Alker abgehandelt. In den workshops der Zeitschriften KEYs und Keyboards findet man regelmäßig Techno-Tips. Und eher flapsig in den dicken Gesamtdarstellungen von Anz/Walder (1999 neu aufgelegt) und Böpple/Knüfer. Die jugendsoziologische und szenennahe Standardliteratur von Poschardt (erstmals 1995) oder Gabriele Klein (1999) interessiert sich für Kompositionstechnik und Didaktik ebenso wenig wie das Techno-Lexikon (1998). Meine Materialien zu „Techno in der Schule" mit 4 Disketten und 20 Arbeitsblättern wurden 1996-98 auf grauem Markt ausverkauft. Micklischs Buch ist seit einem Jahr „in der Mache".

Argumente gegen „Techno in der Schule" können sein:

- In der Schule gibt es keine authentischen Synthesizer, sodass der Sound nach „Soundcard" und Videospiel, nicht jedoch Rave klingt. Abhilfe: Verwendung virtuellen Analogsynthesizer oder von Programmen auf reiner WAV-Basis („Techno Maker" etc.).

- Die LehrerIn im Grund ihres Herzens, Techno sei primitiv, eintönig, langweilig. Hier hilft nur eine Einstellungsänderung: weg von der Struktur hin zum Sound, weg von den Kurzzeit- hin zu den Langzeiteffekten.

- Die Musik ist zu laut. Das gilt für alle Rockmusik gleichermaßen, denn Techno ist auch nicht lauter als andere Discomusik.

- Musik alleine ist noch kein Techno, da gehört das Tanzen, die Lichtregie und vieles mehr dazu. Dieser Einwand ist richtig, betrifft aber auch alle Arten von jugendkultureller Musik. Es hat sich herausgestellt, dass SchülerInnen begeistert in der Klasse Musik nachspielen, die sie außerhalb der Schule in einem ganz anderen Ambiente erleben.

- Viele SchülerInnen lehnen Techno ab. Auch dies ist richtig und dennoch kein pädagogisches Hindernis. Man dürfte ja sonst so gut wie keine Musik im Unterricht machen. Wie in anderen Genres gilt auch hier, dass sich die Ablehnung der SchülerInnen meist nicht auf das Selbermachen, sondern nur die jugendkulturelle Beteiligung bezieht. Selbermachen hebt die Abgrenzungen sehr häufig auf.

Die möglichen Schwellen werden erfahrungsgemäß dann überschritten, wenn MusiklehrerInnen selbst anfangen die Musik, die sie unterrichten wollen, zu machen. Daher sind Erfahrungen wie die im TechnoMuseum gut geeignet: ein „erwachsener" Rahmen mit vielen authentischen Erfahrungen - man braucht aber nicht auf jung zu machen und sich in die Disco zu schleichen auf die Gefahr hin, von seinen SchülerInnen entdeckt zu werden.

Zur Kompositorischen Machart:

Thomas Alker: Das Dance Pattern Buch. Schott Mainz 1995.

Thomas Alker: Das Dance Floor Buch. Schott Mainz 1995.

Michael Mühlhaus/Peter Gorges: Dance & Techno Basics. GC Carstensen München 1996.

Thomas Pohl: Sequencer Works. AMA-Verlag München 1996.

Kurt Rohrbach: Hip-Hop, Heavy Rock, Techno, Lugert-Verlag Oldershausen 1996.

CD-ROMs

Techno Maker. Data-Becker, Düsseldorf seit 1996 laufend Neuauflagen. CD-ROM mit Begleitheft. Dazu: „285 TopSounds 30 HipHits. Hit & Sound Sampler für Techno Maker. Data-Becker, Düsseldorf 1996 ff.

Sound Engine. The Ultimative Music Production Bundle (mit dem „legendären Groove-Baukasten"). Vertrieb: best service/München 1996. Inzwischen übergegangen in:

music maker generation 5. MAGIX-Entertainment, 1999. Mit WAV-CD-ROM.

Hier werden Technotitel ausschließlich aus WAV-Dateien zusammengesetzt. Es ist also nicht möglich, live zu musizieren und Klangveränderungen oder strukturelle Vorgänge realtime zu bestimmen.

Midifiles

MMC Geerdes Berlin, größte Auswahl. Neben Techno-Titeln (Hits von Kraftwerk etc.) gibt es hier auch reichhaltige Technobretter zum Zusammenbasteln.

Bücher allgemein

Friedhelm Böpple und Ralf Knüfer: Generation XTC. Techno und Ekstase. Verlag Volk & Welt, Berlin 1996.

Ulf Poschardt: DJ-Culture. Rogner & Bernhard/Zweitausendeins, Hamburg/Ffm 21996.

Philipp Anz u. Patrick Walder (Hg.): techno. Verlag Riccio Bilger, Zürich 1995.

Hans Cousto: Vom Urkult zur Kultur. Drogen und Techno. Nachtschatten-Verlag, Solothurn 1995.

Sven Schäfer u.a.: Techno-Lexikon. raveline: Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1998.

Gabriele Klein: electronic vibration. Pop Kultur Theorie. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Frankfurt/Main 1999.

Musikpädagogische Artikel

Ansgar Jerrentrup: TECHNO - vom Reiz einer reizlosen Musik. In: Beiträge zur Popularmusikforschung 12, hg. von Helmut Rösing. CODA Musikverlag, Baden-Baden 1993.

Wolfgang Martin Stroh: Trance Dance: Heaven’s Tears [von Cosmic Baby]. In: Die Grünen Hefte, Nr. 40, 6/1994, S. 29-38. Mit MC/CD und Midifile-Disk.

Stefan Hansen: Techno - Tanzmusik der 90er. In: Musik und Unterricht 7/1994, S. 44-46.

Wolfgang Martin Stroh. Somewhere Over the Rainbow. 1939 goes Rave. In: Die Grünen Hefte, Nr. 42, 2/1995, S. 10-13. Mit MC/CD und Midifile-Disk.

Ansgar Jerrentrup: Körper und Maschine. Neue Erfahrungen mit Techno-Hits. In: Musik und Bildung 2/1995, S. 26-32.

Reinhard C. Böhle: Techno - Tekkno - Tekkkno. Eigenart einer Jugendkultur. In: Musik in der Schule 3/1996, S. 114-19; und 4/1996, S. 178-184.

Wolfgang Martin Stroh: Oxygène IV - ein Techno-Remix. In: Die Grünen Hefte, Nr. 46, 5/1996, S. 33-37. Mit MC/CD und Midifile-Disk.

Christian Rolle: „Techno" im Musikkurs einer 10.Klasse. Hausarbeit zur Pädagogischen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien, Hamburg 1997.

Christian Rolle: Patterns, Loops und Trance-Effekte. Einige Anregungen für die Beschäftigung mit Techno im Musikunterricht. In: Musik und Bildung 48/1998, S. 33-37.

Kai Stefan Lothwesen: Methodische Aspekte der musikalischen Analyse von Techno. In: Beiträge zur Popularmusikforschung 24, Karben 1999, S. 70-89.

Dirk Budde: Elektronische Tanz- und Unterhaltungsmusik. In: Beiträge zur Popularmusikforschung 25/26, Karben 2000, S. 59-71.

Wolfgang Martin Stroh: Virtuell-analoge Synthesizer. Ein workshop zu ihrem Einsatz in der Schule. In: Praxis des Musikunterrichts 61, 2/2000, S. 40-448. Mit CD-ROM.

Christoph Micklisch: Spiel den Techno. Arbeitsblätter für den Musikunterricht. Raabits, Raabe 2000 in Vorbereitung.

Wolfgang Martin Stroh: Das Oldenburger TechnoMuseum in Köln. In: Musikunterricht heute 4, hg. von Jürgen Terhag. Lugert-Verlag Oldershausen 2001. (Beitrag als interaktiver CD-ROM-Text.)

Szene-Information: http://www.techno.de