Zur Analyse der Tanzszene im Film "Die Halbstarken"
(1956, HD Horst Buchholz, Musik Martin Böttcher)
| soziale Ursache: Lebenssituation | ||
| Ansammlung von "Energie": als "kritisches Potential", "Frustration" usw. |
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| "Entladung" in konkreten Handlungen | ||
| symbolisch kulturell MUSIK |
real (konkret) kriminell GEWALTTÄTIGKEIT |
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These 1
Die symbolischen und konkreten "Entladungen" sind weder alternativ zu sehen (schließen einander nicht aus), noch können sie einander vollständig ersetzen. In der "jugendkulturellen Lebensweise" stehen symbolische und reale Formen der Wirklichkeitsaneignung in Wechselwirkung.
These 2
Wie "gewalttätig" die symbolische und reale "Energieentladung" ist, hängt von
(a) individuellen psychischen Faktoren (z.B. "Ichstärke"),
(b) den Rahmenbedingungen ("Anlässe") und
(c) der Interpretation dessen, was unter "gewalttätig" verstanden wird, ab (z.B. strukturelle und individuelle Gewalt).
These 3
Filme der 50er Jahre sind von Erwachsenen für Jugendliche gemachte Waren. Folge: sie enthalten eine erwachsene Moral und müssen von Jugendlichen konsumiert werden. Das geht nur, wenn sie die beiden in den Jugendlichen enthaltenen Seiten des Gewaltphänomens gleichzeitig ansprechen (z.B. die Angst vor und Lust an Gewalttätigkeit, oder: die symbolische und reale Aneignungsweise).
These 4
Der Film ist "jugendfreundlich", weil er die vulgäre These (der 50er Jahre) von der (Jazz-)Musik als einem Gewalt verursachenden oder auslösenden Phäomen, kritisiert. Er sagt aus:
- die Musik gehört zur symbolischen Wirklichkeitsaneignung einer jugendkulturellen Lebensweise, in der Kriminalität möglich, die aber nicht per se kriminell, sondern widersprüchlich ist,
- die Musik organisiert primär Körperlichkeit als eines zentralen Motivs dieser Lebensweise (Tanz, Bewegung, Sexualität, Gewalthandlungen),
- die Musik steht daher symbolisch für Selbstbestimmung und Freiheit,
- die Attraktivität von Musik schafft Situationen, in denen Voraussetzungen konkreter Gewalthandlungen geschaffen werden (Treff-Charakter, Gruppenorganisation, Spaß-Prinzip),
- als Jazz wirkt die Musik eher kathartisch, als deutsche Marschmusik (die zunächst im Rollenspiel übernommen wird) eher organisierend, mobilisierend.