Mit SchülerInnen kan diese Szene und die Frage der Angstbewältigung durch Musik szenisch erarbeitet werden. Hier die entsprechenden Seiten der Szenischen Interpretation des "Wozzeck". ("Wozzeck" - Szenische Interpretation von Opern. Lugert-Verlag Oldershausen 1994, von Wolfgang Martin Stroh, S. 43, 47-48, 114-115.
Vorbemerkung
Als Stadtsoldat, der eine Freundin mit Kind hat, muß Wozzeck durch allerhand Dienstleistungen noch ein paar Groschen dazuverdienen. Seine Fähigkeiten als (ehemaliger) Friseur nutzt er, indem er den Hauptmann rasiert. Nach Dienstschluß geht er zusammen mit seinem Kameraden Andres nochmals vor die Stadt, um für den Hauptmann Ruten zu schneiden. Und schließlich stellt er sich einem Privatgelehrten für makabre Menschenexperimente zur Verfügung.
Die Notwendigkeit zu solchen Nebenverdiensten prägt das Leben Wozzecks in vielfacher Weise. Er hetzt sich von einer Arbeit zur nächsten - auch an Marie vorbei. Er hat dabei sogar die Fähigkeit verloren, sein eignes Kind anzusehen, das ihm Marie entgegenhält... Bei der Arbeit selbst enfaltet er alle Sinne, die eigentlich im effektiven Arbeitsprozeß unterdrückt werden müßten: er sieht Gebilde am Himmel, hört die Freimaurer und spürt, daß alles hohl ist. Diese Phantasien nimmt Wozzecks Umwelt als Wahn, Verrücktheit oder Kuriosität wahr. Marie reagiert beängstigt, der Hauptmann belästigt, der Doktor höchst interessiert.
Musik und Angst beim Stöckeschneiden
Von den vielen Szenen aus Büchners Dramenfragment, in denen Woyzeck Stimmen hört, ist nur eine in die Oper >Wozzeck< aufgenommen worden: das "Freie Feld" (1. Akt, 2. Szene). Wozzeck ist wieder dabei, sich durch Zusatzarbeit Geld zu verdienen. Diesmal schneidet er zusammen mit Andres Stöcke. Auslöser für die Stimmen und Visionen Wozzecks sind Erscheinungen der Natur. Andres singt ein Lied. - Angst liegt über der Szene. Aber wer hat eigentlich Angst und woher kommt diese Angst?
Vorbereitung des szenischen Singens: Alle SchülerInnen singen zusammen mit der/dem LehrerIn die beiden Strophen des Jägerlieds. Von diesem Lied prägen sich die SchülerInnen die ersten 4 Takte im Sinne des gestischen Singens (also dem ungefähren Tonhöhenverlauf folgend) ein: sie sitzen im Stuhlreis, halten einen Stock in der einen Hand, simulieren mit der anderen, daß sie diesen Stock von Zweigen, Ästen, Blättern und Rinde befreien (= "Stöcke schneiden") und singen dazu "Das ist die schöne Jägerei, Schießen steht jedem frei!".
Szenisches Singen ohne Vorgabe: Eine knappe kollektiven Einfühlung: "Es ist Abend, ein schöner Sonnenuntergang, Du bist draußen vor der Stadt und schneidest noch Weidenstöcke, die Du später beim Hauptmann gegen Geld abliefern kannst. Es wird dunkel und im Gebüsch sind alle möglichen undefinierbaren Geräusche zu hören." - Alle SchülerInnen schneiden nun im (leeren) Spielraum, der ein freies Feld mit Weidenbüschen darstellt, Stöcke. In Sing-, Geh- und Arbeitshaltung bringen sie ihren Gemütszustand zum Ausdruck.
Szenisches Singen mit Vorgaben: Die/der LehrerIn gibt nun bestimmte Situationen vor, die sich die SchülerInnen durch Sing-, Geh- und Arbeitshaltungen aneignen. Zum Beispiel:
- * Du schafftst Dein Pensum noch, wenn Du bei der Arbeit singst.
- * Es tut gut, nach der Arbeit sich noch ein bißchen im Freien zu bewegen und singen zu können.
- * Die Dunkelheit ängstigt Dich nicht, wenn Du singst.
Vorbereitung des Spiels mit der Angst: Die SchülerInnen setzen sich. Zwei SchülerInnen lesen mit verteilten Rollen den Szenentext. - Der Spielraum ist ganz leer. Verkleidung.
Das Spiel mit der Angst (szenisches Improvisation):
Die Einfühlung ist relativ neutral gegenüber der Angstfrage, zum Beispiel: "Wozzeck, Du mußt heute Abend noch arbeiten. Wenn es dunkel wird, hörst Du oft merkwürdige Stimmen, spürst die geheimen Kräfte der Natur unter Dir und siehst den Sonnenuntergang wie ein Feuer am Himmel. Das stört Dich erheblich bei der Arbeit... Andres, Du mußt heute Abend noch arbeiten. Wenn es dunkel wird, dreht Wozzeck manchmal etwas durch. Du singst bei der Arbeit, dann kann man das so einigermaßen aushalten." - Wozzeck und Andres arbeiten. Wenn Wozzeck etwas sagt, hält er sich an die Textvorgaben des Librettos (er kann dazu während der Arbeit ruhig auch zum Textbuch greifen und hineinschauen). Andres reagiert auf Wozzeck ausschließlich durch die Art seines Gesangsgestus. Lediglich ganz zum Schluß sagt er: "drinnen trommeln sie, wir müssen heim". - Hierauf folgt eine Ausfühlung.
Erfahrungsbezogenes Feedback: Wozzeck, wie hast Du die Situation erlebt? Wie hast Du Andres wahrgenommen? Andres, wie hast Du die Situation erlebt? Wie hast Du Wozzeck wahrgenommen? Was empfindest Du, wenn Du singst? Warum hast Du gesungen?
Information: Angst ist eine lebensnotwendige psychische Reaktion auf eine reale Gefahr. Ist die Gefahr "irreal", bloß eingebildet, so spricht man von "neurotischer Angst". Angst und Angst-Symptome sind zu unterscheiden. Angst-Symptome können auch auftreten, ohne daß eine Gefahr droht bzw. eingebildet wird. Obgleich "übernatürliche Visionen" nicht unbedingt Angst erzeugen müssen (vgl. etwa die Darstellung der Visionen Woyzecks im Clarus-Gutachten aus dem Jahre 1823 SM12!), zeigt Wozzeck bei Berg eindeutig Angst-Symptome aufgrund seiner Visionen. Durch Singen "die Angst zu vertreiben", ist eine ungenaue Redeweise dafür, daß man Angst-Symptome kurzzeitig beseitigt. Die Angst selber schwindet nur, wenn die (reale) Gefahr oder die Ursache für das Einbilden der (irrealen) Gefahr schwindet. (Zur Theorie der Angstverarbeitung durch Musik vgl. STROH 1988.)
Sachbezogenes Feedback: Warum sagt Andres zu Wozzeck "Sing lieber mit!" statt "ich sehe keinen lichten Streif" oder "der Boden ist ein bißchen weich, aber doch nicht hohl"? Welche Funktion hat also das Liedersingen bei der Angstverarbeitung? Will Wozzeck Andres (bewußt) Angst machen oder verhält er sich (unbewußt) so, daß die Möglichkeit besteht, daß Andres Angst bekommt? - Konnte die bisherige szenische Interpretation die Frage beantworten
- * ob Andres unabhängig von Wozzeck ebenfalls Angst "vor der Dunkelheit" hat und deshalb singt,
- * ob Andres durch Wozzeck Angst "vor der Dunkelheit" bekommt,
- * ob Andres vor Wozzeck, weil dieser "toll" ist, Angst hat,
- * ob Andres keine Angst hat,
- * ob Andres aus Solidarität mit Wozzeck Angst-Symptome vorgibt?
Szenische Improvisation zu Musik: Die ursprünglich (in der 2. Unterrichtseinheit) als Wozzeck und Andres eingefühlten SchülerInnen spielen abschließend in einer Improvisation die Szene zur Musik (1. Akt, Takt 2O1-31O) in der Version, die sie in der vorangegangenen Diskussion am meisten überzeugt hat. Sie können zur Musik sprechen, singen oder nur gestikulieren.
SM12 Woyzecks Wahnsinn aus wissenschaftlicher Sicht
Ausschnitte aus dem Gutachten des Hofrates Dr. J.C.A. Clarus über Woyzeck vom 28. 2. 1823 (in: MAYER 1962, S.1OO und 1O7):
"Er sei einst im Oktober abends, ungefähr um sieben Uhr, aus der Festung Graudenz nach der eine halbe Stunde davon gelegenen Stadt gegangen und habe da am Himmel drei feurige Streifen gesehen, die nachher wieder verschwunden seien. Als er sich umgesehen, habe er an der entgegengesetzten Seite des Himmels einen einzelnen ähnlichen Streifen gesehen und dabei Glockengeläute gehört, was ihm unterirdisch geschienen hätte. Weil er sich nun damals immer noch mit dem Gedanken an die Freimaurer beschäftigt und geglaubt habe, daß ihm schon einmal durch drei feurige Gesichter hierüber eine Offenbarung zuteil geworden sei, so habe er sich eingebildet, da× dieses wohl ähnliche Beziehung haben könne und daß wohl die Freimaurer ihr Zeichen verändert und ein anderes gewählt haben möchten, worauf das Verschwinden der drei Streifen und das Erscheinen des Einzelnen hindeute. Er habe nachher eine alte Frau darüber gefragt und diese ihm gesagt: von dem Streifen am Himmel habe sie nichts gesehen, das Glockengeläute hätten aber schon viele gehört, es gehe die Sage, da× ehedem an dieser Stelle ein Schloss versunken sei. Er selbst habe diese Sage für ein Volksmärchen gehalten. [...]
Der Inquisit hegt allerhand irrige, phantastische und abergläubische Einbildungen von verborgenen und übersinnlichen Dingen, denen bei ihm teils Mangel an Kenntnis und Erziehung, teils Leichtgläubigkeit zugrunde liegt und die durch Neugier, durch einen natürlichen Hang, über dergleichen Dinge nachzugrübeln und durch die in seiner hypochondrischen Stimmung begründete Scheu, sich mitzuteilen, genährt und unterhalten worden ist. Dahin gehört zuerst die ihm aufgeheftete Lüge von den geheimen Künsten der Freimaurer, die ihn sehr angelegentlich beschäftigt und zu allerhand phantastischen Kombinationen und Versuchen verleitet... Eben dahin gehört ferner seine Vorstellung von der Wichtigkeit der Träume, von denen er glaubt, da× sie teils buchstäblich in Erfüllung gehen, teils eine allegorische Bedeutung haben, vermöge deren durch sie bald verborgene Dinge, z.B. die von ihm als sehr wichtig betrachteten Zeichen der Freimaurer, angezeigt, bald die Zukunft enthüllt werde."
Volksmärchen gehalten. [...]
Der Inquisit hegt allerhand irrige, phantastische und abergläubische Einbildungen von verborgenen und übersinnlichen Dingen, denen bei ihm teils Mangel an Kenntnis und Erziehung, teils Leichtgläubigkeit zugrunde liegt und die durch Neugier, durch einen natürlichen Hang, über dergleichen Dinge nachzugrübeln und durch die in seiner hypochondrischen Stimmung begründete Scheu, sich mitzuteilen, genährt und unterhalten worden ist. Dahin gehört zuerst die ihm aufgeheftete Lüge von den geheimen Künsten der Freimaurer, die ihn sehr angelegentlich beschäftigt und zu allerhand phantastischen Kombinationen und Versuchen verleitet... Eben dahin gehört ferner seine Vorstellung von der Wichtigkeit der Träume, von denen er glaubt, daß sie teils buchstäblich in Erfüllung gehen, teils eine allegorische Bedeutung haben, vermöge deren durch sie bald verborgene Dinge, z.B. die von ihm als sehr wichtig betrachteten Zeichen der Freimaurer, angezeigt, bald die Zukunft enthüllt werde."