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  Interkulturelle Musikerziehung: Lateinamerika (2002)

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Länderportrait: Chile

Land und Leute

Chile ist 4500 km lang und max. 170 km breit. Die Grenzen sind durch die Anden-Hochpässe klar definiert. Nach Norden hin hat Chile durch Eroberungskriege sein Gebiet (mit Hilfe der Engländer, die die eigentlichen Nutznießer waren) gegenüber Bolivien und Peru auf die Wüstenregionen mit reichen Salpeter- und Kupfervorkommen ausgedehnt.

Die Spanier konnten die Mapuche-Indianer nicht besiegen. Bis Mitte des 19. Jhds war die südliche Hälfte des Landes (ab dem Río Bío Bío) "nicht-erobertes Mapuche-Land". Ein letzter "Aufstand" 1881 gegen das von Spanien unabhängige Chile führte dann zur Umsiedlung auf "reducciones" (Reservate, 10% des ursprünglichen Mapuche-Landes) und zahlreichen Integrationsversuchen. 2001 fanden beispielsweise Verhandlungen um von Mapuche "illegal" besetztes Land statt ... (siehe das Mapuche-Video). In Chile hat fast jeder Weisse indianisches Blut. Im Süden siedelten ab dem 19. Jhd. Deutsche, ansonsten herrscht eine "iberoamerikanische Mischung" vor. In den Andenregionen des Nordens trifft man dichte Indio-Bevölkerung (heute als Lohnarbeiter im Kupferbergbau). Wie überall in Amerika gilt: je dunkler die Haut, umso niedriger der soziale Status. Schwarze spielen in Chile keine Rolle.

Zur Geschichte: Die Befreiung von Spanien erfolgte mit Hilfe Englands, das am Salpeter interessiert war: Nach der Salpeter-Krise übernahmen die USA die ökonomische Position Europas. So wurde um 1970 aus dem Kupferbergbau 700 000 Mio Dollar jährlich aus Chile nach USA "abgeführt". Chile galt lange als das "stabilste" lateinamerikanische Land. 1970 gewann der Sozialist Allende die Wahlen und begann mit vorsichtigen Verstaatlichungen und Enteignungen. Das Militär reagierte, unterstützt von den USA, mit einem Putsch und einem auch für Lateinamerika einmaligen Terror-Regime. Heute kennt die Welt "Pinochet" als Synonym für rigorose Ermordung demokratischer Kräfte, Todeskommandos, Folter und "yo no fui"... Aufgrund der aktuellen Pinochet-Prozesse herrscht derzeit in Chile ein Klima der "Vergangenheitsbewältigung". (Siehe im HA "Yo no fui".)

Kultur und Musik allgemein

Das heutige Musikleben Chiles ist weniger US-amerikanisch als man aufgrund der langen Pinochet-Zeit erwarten würde und als man es in Deutschland gewohnt ist. Man hört ganz überwiegend spanische Texte und in der einzigen chilenischen Musikzeitschrift "La Música" lauten die einzelnen Rubriken in wertender Reihenfolge:

Man vergleiche diese Rangordnung mit der von BRAVO, um das chilenische "Selbstbewußtsein" zu erkennen. Ein Wellenreiten im chilenischen Radio bestätigt übrigens diesen Eindruck (Hörbeispiel).

Spezialitäten

Chiles Beitrag zur lateinamerikanischen Musik ist weniger spektakulär als der Brasiliens oder Kubas. Weder gibt es spezifische Andenfolklore (wie im Altiplano), noch irgendwelche afrikanischen Einflüsse. Herausragende musikalische "Events" sind (1) der Paartanz Cueca (ein sehr ritualisiertes Tänzeln des Mannes um eine umworbene Frau zu einer Kombination von 3/4 und 6/8). 2001 hatte ich den Eindruck, dass die Cuceca-Fans auf Rückzugsposition waren. Pinochet hatte hierzu mit beigetragen, als er 1979 die Cueca zum Nationalsymbol erklärte. (2) Ein wohl nachhaltigeres "Event" ist das neue chilenische Lied (Nuvea Canción Chilena), das die lateinameirkanische Nueva-Canción-Bewegung initiierte. Bis heute lebt Nueva Canción in Chile unter dem Decknamen "folklor", wie die Plattenabteilungen eines jeden Kaufhauses zeigen. Nueva Canción ist eine an die Anden-Folklore anknüpfende Musik, die weitgehend Neukompsitionen darstellt und mit aktuellen politischen Texten verknüpft ist. Violeta Parra gilt als "Erfinderin", Victor Jara als Haupt-Vertreter. Da Nueva Canción ebenso reine Andenmusik unter Pinochet verfolgt war, machte sich die Opposition einerseits im Ausland (Exil-musikgruppen) und andererseits in "Rock Chileno" breit. Letztere war anfangs eher "Punk" getrant als "US-amerikanisch" (wogegen die Machthaber nichts sagen konnten - es aber dennoch taten). Die klassischen Gruppen sind Los Prisoneros und Los Miserables. Den Liedern von Los Prisoneros wurde 2000 ein Album mit Nachspielung von 20 Titel durch 20 aktuelle Rock-Chileno-Gruppen gewidmet.

Los Jaivas ist eine Nueva-Canción-Gruppe, die heute ebenfalls stark auf Rock macht, während Int Illimani weltweit als Folkloregruppe gilt. Das erste Festival de la Nuvea Canción fand 1969 im Standion von Santiago de Chile statt (wo 1973 Victor Jara umgebracht wurde). 2000 hat der sozialistische Präsident Ricardo Lagos das Festival zu seiner Amtseinführung wieder belebt. Vom 9.-11.3.2001 fand es zum zweiten Mal statt. - Daneben führt Chile in Vina del Mar seit 1954 jährlich ein (Schlager-) Festival Internacional de la Canción durch, ein lateinameirkanischer Prix de Eurovision (siehe den Artikel "Yo no fui" im Handapparat).

Unterrichtsmaterial

1981 schrieben Gustavo Becerra-Schmidt und ich eine Unterrichtseinheit "Musik in Chile" entlang von Liedern. Die Lieder waren thematisch geordnet:

Musik der Indios
  • Die Kolonisierung "El Condor pasa"
  • Der spanische Einfluss: die Cueca
  • Die soziale Lage: ein Bergarbeiterlied
  • Die 60er Jahre: "Luchin" von Victor Jara
  • Der faschistische Putsch (Wolf Biermanns "Kameramann")
  • Musik in Chile nach dem Putsch (1973-82)
  • Musik im Exil nach dem Putsch

Die Unterrichtseinheit wurde intern vom ADM (Arbeitskreis demokratischer Musiker) vertrieben und erprobt. Sie beruht auf dem Singen von Liedern ("Schnittstelle") mit anschließender politischer Information/Agitation. Die Einheit ist methodisch-didaktisch brüchig und erfuhr im WS 2000/01 durch Jan Mattenheimer und Anja Rosenbrock eine Ergänzung durch Methoden des szenischen Spiels zu

  • Die Indios Chiles: Kultur und Musik der Mapuche
  • Einfall der Spanier
  • Cueca - ein schwieriges Nationalsymbol
  • Geschichte des Nueva Canción
Beide UE’s stehen kopiert im Handapparat. 2001 erschien in der Zeitschrift "Musik und Unterricht" ein Artikel mit Unterrichtsvorschlägen zu Stings "Eas dancan sola" (den chilenischen Frauen gewidmet, die mutig vor Pinochets Regierungsgebäude Cueca tanzend demonstrierten) sowie zu Victor Jara. Ansonsten gibt es lediglich vereinzelt Lieder und Tänze in den Sammlungen des eres-Verlages.
Konzeptionelle Einschätzung: Becerra-Schmidt/Stroh Schnittstellenansatz ohne gute Verbindung der weiteren Schritte. Das szenische Spiel ist in dieser Hinsicht besser, muß in der Praxis noch musikpraktisch erweitert werden. Die 2001er Aufsätze verfolgen den traditionellen "aufklärerischen" Kurs mit Hören, Informieren, Besprechen und irgendwann mal (ausschnittsweise) Nachsingen - ohne diaktisches Gesamtkonzept. Anmerkung: Sting ist keine Schnittstelle im Merkt’schen Sinn.

NEUAUFLAGE dieser Unterrichtsmaterialien mit Ergänzungen im Jahr 2000 Download hier!

3 Themen-Vorschläge

Cueca: "Ein schwieriges Nationalsymbol". Tanz einstudieren (nach "Analog-Verfahren" - wir haben ein Demo-Video gedreht (Mediathek), Tanzblätter im Handapparat); eine instrumentale Fassung von Los Jaivas als Playback - Klatschübung - x x - x x auf einen 3/4 (mit x - x - x -) ist sehr aufregend; Besprechen der Sting-Bearbeitung (gemäß Aufsatz MuU 3/2001); Besprechen einer modernen Sampling-Version als "Coranzones Partidos" von Andreas Bodenhöfer (ein zeitweise exilierter chilenischer Komponist).

Nueva Canción: "Politisierung von Folklore". Einstieg mit "Luchin", einem sehr schönen Lied von Victor Jara (Grundschule); dann alle möglichen weiteren Lieder der Bewegung, auch aus Ländern wie Mexico oder Nicaragua. Siehe den Jara-Aufsatz in MuU 3/2001 sowie meine didaktische Ergänzung desselben und die UE Becerra-Schmidt/Stroh sowie eine ausgearbiete szenische Interpretation (Rollenkarten etc.) bei Mattenheimer/Rosenbrock..

Musik unter einer Militärdiktatur: "Die subversive Sprache der Musik". Musik exilchilenischer Musiker und deren Rezeption in Chile; Rock Chileno unter Pinochet (Los Prisoneros); Anden-Folklore als Protest (Illapu, Inti illimani); "Nachwehen" und Vergangheitsbewältigung heute: "Yo no fui" von Pedro Fernández (Aufsatz im Handapparat).

 


Tonbeispiele (als CD 2 Lateinamerika: Chile in der Mediathek)

1) llapu 1976: "Data una vuleta". Beispiel einer kunstvollen Cueca. Inhalt: die Geschichte eines Kindes auf dem Dorf.

2) Cueca folklor. Eine recht authentische Cueca, irgendwoher aufgeschnappt.

3) Noch eine Cueca gespielt von Illapu auf der LP Despedida del Pueblo. Illapu ist eine bekannte Gruppe des Nueva Canción.

4) Violeta Parra (die "Erfinderin" des Neuva Canción): "Violeta Ausente" (circa 1970 aufgenommen, von einer Revival-CD 1999)

5) Victor Jarra (der "Vater" des Neuva Canción): "Plegaria a un Labrador". Mit diesem Lied gewann Jara den ersten Preis beim 1. Festival Nueva Canción Chilena, 1969. Ein Aufruf an die Bauern, sich zu organisieren. Originalaufnahme.

6) Victor Jara: "Luchin" (1972), eines der bekanntesten Kinderlieder von Jara mit O-Ton-Einspielungen. Die Geschichte eines armen Mädchens.

7) "Chile lindo", ein patriotisches Chile-Lied. Im März 2001 sangen es mir zwei 1973 unter Pinochet Gefangene vor und sagten, dass sie dies Lied als Protest im Gefängnis gesungen hätten. Botschaft: "wir lieben unser schönes Chile, auch wenn wir im Knast sitzen".

8) Andreas Bodenhöfer (1988): "Corazones Partidos". Der hintersinnigen Collage hört man an, dass die Cueca nicht unproblematisch ist, nachdem sie 1979 zum Staatssymbol erklärt wurde. Bodenhöfer ist ein zeitgenössischer chilenischer Komponist, der 1973 bis 1987 in Deutschland und Peru lebte.

9) Sting (1989): "Ellas Danzan Solas", ein Lied den chilenischen Frauen gewidmet, die vor dem Regierungspalast Moneda eine Cueca ohne Männer tanzen, um auf das Verschwinden ihrer Männer oder Söhne aufmerksam zu machen. Von der LP Nada Como El Sol

10) Los Jaivas (1995): "En el tren a paysandu". CD Hijos de la terra. Im Gegensatz zur eher folkloristischen Gruppe Illapu ist Los Jaivas eher "rockig". Los Jaivas füllen noch heute große Stadien und Konzertsäle in Chile.

11) Illapu (1997): "Paso de Mulato". Ein Beispiel, das auch afrikanische musikalische Einflüsse verarbeitet. CD Instrumental songs from Andes.

12) Illapu (1997): "Arauco de Pie". Das Stück zeigt, wie modern heute "Folklore" verstanden werden kann! CD Instrumental songs from Andes.

13) dracma/Los Prisoneros: "we are sudamerican rockers". Auf der MC Tributo al Los Prisoneros aus dem Jahr 2000 haben aktuelle Rockgruppen alte Los-Prisoneros-Songs neu aufgenommen. Das Stück läßt den "Punk"-Stil" der Rock-Chileno-Protestbewegung erahnen.

14) Pedro Fernández (2001): "Yo no fui". Hitparade Nr. 1 im März 2001. Ironischer "mexikanischer" Song mit politischem Unterton, siehe meine Abhandlung im Internet!

15) Radiomix: 12 Spots aus diversen chilenischen Radio-Sendern im März 2001, um zu zeigen, wie sich die gängigen Musikstile im Alltag anhören.

16) Straßentheater einer Mapuche-Familie im März 2001 in La Serena. Typische Instrumente und Gesänge. Das Theater sollte auf aktuelle Landbesetzungen aufmerksam machen und für den Erhalt von Sprache und Kultur der Mapuche werben.

17) Wolf Biermann (1975): "Der Kameramann". Die Geschichte eines Kameramannes, der den Putsch 1973 filmte und dabei erschossen wurde. Man sieht in dem weltweit bekannt gewordenen Filmbericht, wie ein Soldat auf die Kamera zielt und schießt. Der Film bricht ab...

18) Playback zum Rollenspiel zu "Guajira Guantanamera".

19) Pete Seeger (1963) "Guantanamera", gesungen am 8.6.1963 in der Carnigie-Hall New York. LP We Shall Overcome 1967.