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Definitionen einiger Musikstile "rund um das Mittelmeer"

Musikgattung Tonaufnahme Definition
Raï

 

 

 

Bellemou Messaoud hat den "neuen Raï" in den 60ern geschaffen. Aufnahme 1993 in Berlin ("Revivalband"). Algerien, Marokko Hervorgegangen aus einer Liedform algerischer Berber ist Rai eine algerisch-französische Migrantenmusik, die als weltmusikalische Popmusik in Oman und Paris ausgebildet wurde. Charakteristisch sind arabische melodische Wendungen über funky Bässen mit häufigen Bläsereinwürfen. Die Texte haben meist politische Inhalte.
Arabesk Om Kolthom (Um Kalsum) schuf das Vorbild des türkischen "Arabesk" , die Musik der "ersten Generation" von Türken in der BRD. Türkei "Arabesk" ist Ende der 60er Jahre als Mischung städtischer Unterhaltungsmusik, Volksmusik und westlicher Popmusik in der Türkei entstanden, gekenzeichnet durch eine "arabeske" Melodieführung, handelt von Verzweiflung und Heimweh. Bis in die 90er Jahre war "Arabesk" in den türkischen Medien verboten, dennoch - vor allem im Ausland - sehr verbreitet. Vorbild war der arabische Schlager von Oum Kulthum.
Kurdische Musik Die Frauenband "Koma Asmin" singt in Bremen 2001 kurdische Volksmusik in modischer Mitmachform. Kurdistan Da die Kurden kein eigenen Staat haben, sondern als ethnische Minderheit in der Türkei, Iran, Irak, Syrien u. Armenien leben, ist die Volksmusik einwichtiges identitätsstiftendes Moment. In Deutschland lebende Kurden definieren sich sehr durch ihre Volksmusik: charakteristische Instrumente sind Dahol (Trommel) mit Zuma (Oboe) und Tanbur (Langhalslaute, Saz).
Rembétika Der griechische "Blues" wurde 1983 durch den gleichnamigen Film bekannt (hier: die Titelmelodie). Griechenland Eine in griechischen Städten entstandene multikulturelle Liedform, die in den 1930er Jahren verbreitet war, griechische mit kleinasiatischen Musiken verbindet (z.B. Saz und Bouzouki) und aufgrund ihres politischen Inhalts in der Diktatur 1964-74 als Protestsong verbreitet wurde. Heute greifen griechische Popstars auf das Rembétika-Repertoire zurück.
Bosnische Musik ("Newly composed Folk") Der bosnische Schlager lehnt sich an "orientalische Folklore" an, hier Lepa Brena mit einem Spitzenhit der 80er. Jugoslawien "Novekompovane Narodne Pjesme" ist eine seit den 60er Jahren populäre Musik, die Volksliedmelodien im Gewand der westlichen Popmusik darbietet, ohne ein gewisses "orientalisches Flair" (Zeichen der meist muslimischen MusikerInnen) zu verleugnen. Die Musik bringt die "Landflucht", aus der sich auch die nach Deutschland wandernden Gastarbeiter rekrutieren, zum Ausdruck.
Tarantella Die alte Tarantella (Ekstatischer Tanz) hat derzeit in Süditalien ein Comeback. Hier eine Aufnahme von Castello del Monte 2000. Italien Tarantella ist seit dem 15. Jahrhundert als "Veitstanz" (schneller Tanz, der zur Besessenheit führt) bekannt. Im 20. Jahrhundert ist er in Apulien (um Tarent) als schneller 6/8-Tanz mit Dur-Moll-wechseln bekannt. Derzeit erlebt die Tarantella als "Öko-Rave" ein Revival mit jährlichen Festivals auf Castell del Monte.
Flamenco Flamenco ist bekannt durch einen sezifisch heulenden Gesang mit Gitarre. Hier eine Aufnahme vom Europäischen Zigeunerfestival 1994 in München. Spanien Tanz- und Liedstil aus Andalusien (Südspanien). Charakteristisch ist die "Schlaggitarre" und ein schmerzvoller Gesangsstil. Flamenco selbst ist ein Multikulti-Phänomen, in dem Zigeuner , maurische, arabische, afrikanische und indische Musik mit europäischer mischten. Flamenco hat die spanische Kunstmusik ebenso wie den Tourismus beeinflusst. Neben Gitarre und Gesang tritt rhythmisches Klatschen und Fußstampfen.
Fado Der portugiesische Fado "tourt" derzeit durch Mitteleuropa. Hier eine aktuelle Interpretation mit Ana Vera. Portugal Fado ist eine städtische Liedform (meist Gesang mit Gitarre), die nach der Unabhängigkeit Brasiliens (1822) in Lissabon in Einwandererkreisen entstand. Afro-brasilianische Traditionen mischten sich mit portugiesischen Liedformen. Die Inhalte des Fado sind Melancholisch-philosophisch: "Fado ist alles, was ich sage, und alles, was ich nicht aussprechen kann".

Einschätzung größerer Musik-Lexika:

  Zielgruppe Art der Artikel Schwerpunkt Wertungen
MGG alt 1949-1986. Etablierte deutsche Musikwissenschaft, kein Buch für Laien - nur Bibliotheken und Fachleute. Sollte das komplette Wissen "der Musikwissenschaft" zusammenfassen. Galt als Jahrhundertwerk. Große umfassende Abhandlungen, Enzyklopädie-Prinzip. Abendländische Kunstmusik: Komponisten, Städte, Länder, Kompositionstechnik. Absolut veraltet - Achtung: wird derzeit billig verkauft! Einzelabhandlungen in Taschenbuchform...
MGG Sachteil neu 1986-1999. Etablierte deutsche Musikwissenschaft: es schreiben stets die "Weltspezialisten", kein Buch für Laien, sondern nur für Bibliotheken und Fachleute. (Preis!) Im Sachteil erheblich erweiterte Themenbereiche als früher. Mittelgroße bis große Abhandlungen. Register notwendig. Lexikon-Enzyklopädie. Versuch, die 3 Komponenten Historische und Systematische Musikwissenschaft und Musikethnologie gleichermassen zu berücksichtigen. Brauchbar, wenn auch im Bereich der aktuellen Weltmusik schwach. Das Lexikon soll zeitlos sein...
New Groves Ständig neue Auflagen. Anglo-amerikanische Musikwissenschaft, wendet sich an ein breiteres Publikum, Konzept: work in progress. Moderneres, vor allem auch mehr popularmusikalisches Interesse. Viele kleine Lexikon-Artikel neben enzyklopädischen Abhandlungen. Ähnlich MGG-Sachteil, nur etwas breiter angelegt. Brauchbar, von den großen Lexika noch am nähesten an der Weltmusik dran.
Garland Encyclopedia In 1997-2002 entstandenes Monsterwerk zur "Musik der Welt". Hoher Anspruch an Vollständigkeit. Zeugnis der Musikethnologie im Wandel. Fachjpublikum (Preis!). Bände nach Ländern geordnet. Für jedes Land/jede Region schreibt ein Spezialist. Registerband notwendig. Mit CD’s. Ausschließlich Musik der Welt... also keine "historische abendländische Musik". Überwiegend "traditionelle Musik" der Welt. Etwas schwerfällig. Moderne (modische) Pop-Erscheinungen kommen nur am Rande vor. Oft Zufallsberichte über Spezialthemen.
Rough Guide Seit 1994. Orientierungshilfe für Schallplattenhändler. Populärwissenschaftlich mit sachkiundigen Einzelartikeln. Geografisch und entlang der Haupt-Trends des Plattenmarkts geordnet. Man findet hier alles, was trendy ist. Mischt Weltmusik im Sinne von Popmusik mit traditioneller Musik, soweit diese auf dem Markt erhältlich. Als Einstieg hervorragend. Eine Ergänzung durch die anderen Lexika ist notwendig, da vieles oberflächlich ist.
"Handbuch der populären Musik" 1985, neu 1997. Standardwerk als Taschenbuch. Für breites Publikum. Kleine, alphabetisch geordnete Artikel (Rai, Flamenco, Rembetika, Fado - nicht Arabesk, Tarantella). Hält, was es verspricht (675 Seiten). Wissenschaftlich seriös und zuverlässig. Empfehlenswert, wenn auch für Weltmusik nur sehr begrenzt (wenig traditionelle Musik der Welt).
"Worlds of Music" Verbreitetes US-Collegebook zu "Music of the World": Studis. (1996 3. Auflg.) 8 Weltmusikregionen in Textkapiteln. Modernes Konzept, aber nicht lexikalisch. Kein Nachschlage- sondern ein Arbeitsbuch.