Direkte Vorbilder einer „Eine Welt Musik Lehre"

Das vorliegende Projekt sucht einen Weg, sich empirisch einer Antwort auf die Frage nach den „Universalien" der Musik zu nähern. Es soll hypothetisch auf einer „handwerklichen" Ebene, die bislang noch kaum Inhalt „interkultureller Musikerziehung" gewesen ist, quer durch die Welt unterrichtet werden. Überall dort, wo sich bei den Lernenden dann „rote Fäden" abzeichnen, ist eine „Universalie" zu vermuten. Dies „eklektizistische" und transkulturell pietätlose (wenn nicht schlicht postmodern gleichgültige) Vorgehen hat einige seriöse Vorbilder:

Einige hervorragende Lehrbücher, die an Universitäten der USA verbreitet sind, wo „Music of the World" in einem zweisemestrigen Kurs vorgeschrieben ist und auf typisch amerikanische Weise dann auch ab-testiert wird, setzen mit einem modernen, „musiksoziologischen" Ansatz Vergleichender Musikwissenschaft an. Danach wird, wie am deutlichsten in Jeff Titons „Worlds of Music", versucht, ausgewählte Musikkulturen der Welt „ganzheitlich" darzustellen, also in aller Regel in der Verflechtung von traditionell folkloristischen, traditionell kunstmusikalischen, neuern popmusikalischen und bisweilen auch aktuellen weltmusikalischen Teilkulturen. Einzelne Elemente einer „Eine Welt Musik Lehre" sind hier zwar bereits vorhanden, ein vollständiges Konzept liegt aber nicht vor.

Den einzigen größeren und programmatischen Versuch einer umfassenden und nicht-trivialen „Eine Welt Musik Lehre" hat David Reck 1977 mit seiner „Music of the whole earth" unternommen. Das Buch ist 1991 in deutscher Ausgabe als „Musik der Welt" erschienen. Hier wird die „world of music", wie das Gebiet heute in den USA benannt wird, nach den Kategorien Instrumentenkunde, Rhythmus und Zeit, Melodie, Klang, Musikgruppen und Form abgehandelt. Die genannten Kategorien werden im Sinne von „Universalien" behandelt. Die neueren Entwicklungen im Bereich von „Weltmusik", vor allem aber der gesamte Sektor populärer Musikkulturen und medialer internationaler Fusionen bleibt hier noch unberücksichtigt. Insofern ergibt sich ein romantisch-fokloristisches Bild vom „Weltenkonzert".

Das Gegenstück zu David Recks „Musik der Welt" sind Enzyklopädien zur „World Music" im Stile des „Rough Guide to World Music" herausgegeben von Simon Broughton und anderen. Dieser gigantische Führer durch die wichtigsten CD’s des worldmusic-Marktes schildert die jeweiligen Weltkulturen aus der Sicht der Schallplattenindustrie und des um einen gute Kundenberatung bemühten Plattenhändlers „westlicher" Großstädte. „Rough" ist dabei eine englische Untertreibung, denn der Guide drängt auf 700 Seiten dicht gedruckt eine umwerfende Fülle von weitgehend wertfreien Details zusammen.

Während jedes der drei genannten Werke die transzendente und transpersonale Dimension der „Musik der Welt" nicht leugnet und wenn auch alle Autoren wissen, daß ohne musikalisches Selbsterfahrungsinteresse der deutschen Leser/innen kein wirkliches Verständnis dieses Weltkonzerts zustande kommen kann, greift lediglich Peter Michael Hamel in seinem Klassiker „Durch Musik zum Selbst. Wie man Musik neu erleben und erfahren kann" diese Leitidee als Schlüssel zur Musik der Welt explizit auf. Peter Michael Hamel hat seine Konzeption als Komponist „integraler Musik" und als Lehrer in regelmäßigen Kursen am Freien Musikzentrum München vertreten.